Contracting vs. Festanstellung: Lohnt sich der Wechsel zum Freelancer?

IT Freelancer Publiziert 04/02/2026

Es ist der klassische Traum vieler Senior-Experten in der IT, im Engineering oder im Finanzwesen: Raus aus den politischen Ränkespielen des Konzerns, hin zur reinen Facharbeit – und das zu Tagessätzen von 1'000 Franken und mehr. Der Schweizer Markt für Contracting boomt. Unternehmen suchen händeringend nach flexiblen Spezialisten für zeitlich begrenzte Projekte, und sie sind bereit, dafür tief in die Tasche zu greifen.

Doch der Blick auf den reinen Stundensatz ist trügerisch. Wer die Sicherheit der Festanstellung aufgibt, wird zum Unternehmer seines eigenen Talents. Lohnt sich das Risiko wirklich? Wir machen den Realitätscheck für den Schweizer Arbeitsmarkt.

Die finanzielle Illusion: Umsatz ist nicht gleich Lohn

Der häufigste Fehler von Neueinsteigern ist die "Milchmädchenrechnung": Stundensatz mal 160 Stunden ergibt das Monatseinkommen. Wer so kalkuliert, schlittert direkt in die finanzielle Schieflage. In der Schweiz müssen Sie als Contractor oder Freelancer Kosten decken, die in der Festanstellung der Arbeitgeber "unsichtbar" für Sie übernimmt oder teilt.

Da sind zunächst die Sozialversicherungen. Während bei Angestellten die Pensionskasse (BVG) und die AHV hälftig geteilt werden, müssen Selbstständige (je nach Rechtsform) oder Contractors über Payroll-Dienstleister oft die vollen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge einkalkulieren. Hinzu kommen Versicherungen, die für Festangestellte selbstverständlich sind: Lohnfortzahlung im Krankheitsfall (Krankentaggeld) und Unfallversicherung. Ein Contractor, der krank ist oder Ferien macht, verdient exakt null Franken.

Als Faustregel in der Schweiz gilt: Ihr Stundensatz als Contractor sollte mindestens das 1,5- bis 1,7-fache Ihres branchenüblichen Stundenlohns als Festangestellter betragen, damit sich das Risiko und die administrativen Kosten decken und am Ende tatsächlich ein höheres Netto-Einkommen übrig bleibt.

Die Rechtsform-Falle: Vorsicht vor Scheinselbstständigkeit

In der Schweiz ist der Weg in die Selbstständigkeit bürokratisch tückischer, als viele vermuten. Wer sich einfach als "Einzelfirma" anmeldet und dann monatelang Vollzeit für nur einen einzigen Kunden (z.B. eine Bank) arbeitet, landet schnell im Visier der Ausgleichskassen. Das Stichwort lautet Scheinselbstständigkeit. Die AHV kann nachträglich entscheiden, dass es sich faktisch um ein Angestelltenverhältnis handelt, was zu massiven Nachzahlungen für den Auftraggeber führt.

Deshalb wählen die meisten professionellen Contractors in der Schweiz einen von zwei Wegen:

  1. Die eigene GmbH/AG: Sie gründen eine Kapitalgesellschaft und stellen sich dort selbst an. Das bietet steuerliche Gestaltungsspielräume und wirkt professionell, erfordert aber Startkapital und Disziplin in der Buchhaltung.
  2. Payrolling: Sie lassen sich bei einem Personaldienstleister anstellen, der sie an den Kunden "verleiht". Sie erhalten einen Lohn abzüglich einer Marge für den Dienstleister. Das ist der sicherste und einfachste Weg, reduziert aber den Gewinn.

Freiheit vs. Sicherheit: Eine Typfrage

Abseits der Finanzen ist der Wechsel eine Frage der Mentalität. Die Festanstellung ist ein "Rundum-Sorglos-Paket". Sie haben Kündigungsschutz, bezahlte Feiertage, oft bezahlte Weiterbildungen und sind Teil eines Teams. Sie wachsen mit dem Unternehmen, sind aber auch in Hierarchien und Prozesse eingebunden, die Sie nicht beeinflussen können.

Das Contracting bietet hingegen die ultimative fachliche Freiheit. Sie kommen als Experte, lösen ein Problem und gehen wieder, bevor die bürokratische Routine einsetzt. Sie lernen in fünf Jahren zehn verschiedene Firmenkulturen und Tech-Stacks kennen, was Ihren Marktwert massiv steigert. Doch diese Freiheit hat einen Preis: Die "Bench-Time". Wenn ein Projekt endet und das nächste noch nicht unterschrieben ist, müssen Sie von Ihren Rücklagen leben. Sie müssen sich selbst verkaufen können – Akquise und Networking werden zu einem Teil Ihrer unbezahlten Arbeitszeit.

Fazit: Ein Rechenspiel mit Unbekannten

Der Wechsel ins Contracting lohnt sich in der Schweiz vor allem für erfahrene Senior-Experten, deren Skills (z.B. Cyber Security, SAP, Projektleitung) stark nachgefragt sind und die über ein stabiles Netzwerk verfügen. Finanziell sind Netto-Steigerungen von 20 bis 40 Prozent möglich – wenn die Auslastung stimmt.

Wer jedoch Nervenkitzel hasst, den administrativen Aufwand scheut und nachts schlecht schläft, wenn der Vertrag nur noch drei Monate läuft, ist in der Festanstellung besser aufgehoben. Contracting ist kein "Get-rich-quick"-System, sondern Unternehmertum. Wer es als solches begreift, wird den Schritt nicht bereuen.